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Lusophoner Sprachgebrauch zur Zeit der portugiesischen Seefahrer ('Rios de Guiné' und Kapverdische Inseln)

Kürzlich entdeckte Malereien der Frühen Neuzeit zeigen Afrikaner und Europäer, die miteinander in öffentlichen und privaten Räumen sprechen. Die dargestellte Nähe irritiert die Betrachter, weil der öffentliche Diskurs in Europa und Afrika ein völlig anderes Bild einer von Anfang an bestehenden Segregation zwischen den beiden Gruppen nahe legt. Quellen des 15. und frühen 16. Jahrhunderts legen eine andere Entwicklung der Beziehungen nahe. Neu entdeckte Manuskripte (Briefwechsel und Berichte über wirtschaftliche, rechtliche und religiöse Debatten) verweisen auf vielschichtige Beziehungen zwischen Afrikanern und Portugiesen sowie anderen Europäern. Portugiesen, die sich auf dem Festland niedergelassen hatten, sogenannte ‘lançados’, konnten eine als ‘calisaire’ bezeichnete Ehe mit einer Afrikanerin schließen und ihre zweisprachigen Nachfahren konnten sogar in den einheimischen Adel aufsteigen. Die sozialen Praktiken im Ringen um ein Einverständnis fanden auf Portugiesisch statt. Einige der Gesprächspartner gebrauchten eine – entsprechend ihrer Herkunft häufig dialektal markierte – Varietät des Portugiesischen als Teil ihres Repertoires, andere hatten begonnen, sich Portugiesisch als die Lingua franca dieser Zeit anzueignen. Es handelt sich also um Anfänger oder fortgeschrittene Sprecher einer Lernervarietät. Die aus diesen Kontakten entstandenen portugiesischen Varietäten wurden in weiten Teilen West Afrikas vor und während der Kolonialzeit gesprochen. Tatsächlich war dieser Sprachgebrauch auch über die Zeit der portugiesischen Kolonialherrschaft hinaus üblich. Die Holländer stellten für das an der Goldküste gesprochene ‘Kust-Portugees’ erste Wörterverzeichnisse ergänzt mit Dialogen für Handelsreisende her. Europäer unterschiedlicher Herkunftssprachen benutzten für die Kommunikation zwischen ihnen und mit den Afrikanern dieses lokal geprägte Portugiesisch, was auf seine allmählich sich entfaltende funktionale und strukturelle Stabilität hinweist. Unser in der historischen Pragmatik verankertes Projekt untersucht die Emergenz dieser portugiesischen Varietäten in der frühen Neuzeit exemplarisch an zwei Räumen: dem Inselstaat Kap Verde und auf dem Kontinent in Elmina (heute: Ghana) und seiner Umgebung, einem Hafen und Standort des ersten europäischen Gebäudes südlich der Sahara (1482). Dort interagierten vier Gruppen europäischer und afrikanischer Herkunft miteinander: Kapitäne und Schiffsmannschaften sowie ‘grumetes’ [Lotsen]; Händler und die genannten ‘lançados’; Bauern sowie Missionare. Unser Team schließt Forscher*innen aus Ghana und Kap Verde sowie international bekannte Experten für Sprachkontakt aus Chicago, Amsterdam und Vila Real ein. Wir alle interessieren uns für die soziohistorischen Aspekte dieser Gemeinschaften und für ihren Gebrauch des Portugiesischen, d.h. für die lexikalischen, morphologischen und syntaktischen Muster, die in dieser Situation eines sozialen, kulturellen und linguistischen Kontakts entstanden sind.

Projektbeteiligte am Center